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Wasenmeister im Weltkrieg

Von direkten Kampfhandlungen blieb Wien im Ersten Weltkrieg verschont. Die Bevölkerung litt aufgrund mangelhafter Versorgung aber enorm. Den Unternehmen fehlte es bald an – männlichem – Personal. Was die Wiener Wasenmeisterei an den Rande des Zusammenbruchs brachte.

Dabei florierte das Unternehmen am Vorabend des großen Waffengangs und auch in den ersten Kriegsjahren durchaus. Soeben erst war die neue Avisostation am Schoberplatz 4  im X. Bezirk in Betrieb gegangen, wo Fuhrwerke bereitstanden, um verendete Tiere so rasch wie möglich aus dem Stadtbild zu entfernen. Am Schoberplatz konnten die Wienerinnen und Wiener auch die von den Mitarbeitern des Wasenmeisters eingefangenen „herrenlose“ Hunde gegen eine Gebühr wieder auslösen. Gut ausgelastet war die  zur Wasenmeisterei gehörige thermo-chemische Fabrik in Kaiserebersdorf, im Jahr 1913 wurden hier nicht weniger als 26.189 Kadaver, darunter 9.791 (!) Hunde, zu Tierfett und -mehl verwertet.

 

Gemeinsam mit dem Wiener Wasenmeister Ferdinand Wambacher kümmerten sich insgesamt 33 Mitarbeiter um die städtische Hygiene. Wambacher hatte die Wasenmeisterei von der Stadt Wien, die die Eigentümerin der thermochemischen Fabrik war, seit 1905 gepachtet. Er erfüllte seine Aufgaben zur vollsten Zufriedenheit von Gemeinderat und Magistrat, was sich in der mehrmaligen Verlängerung seines Vertrages niederschlug, so etwa 1913 für weitere drei Jahre.

 

Wucherei oder Geschäftssinn?

In den ersten Kriegsjahren stieg die Menge des zu verarbeitenden Materials zunächst deutlich an, insbesondere bei Pferden. Steigende Kosten, vornehmlich für das Personal, waren die Folge. Doch auch die Einnahmen stiegen, was mitunter zu heftiger Kritik führte. Gemeinderat Emmerich Klotzberg warf etwa dem Wasenmeister im Mai 1916  „Wucher“ vor, weil er ein Kilogramm Schweinekadaver um 24 Heller einkaufe, die gleiche Menge „technisches Fett“ aber um „5, 6, ja mehr als 8 Kronen“ zu verkaufen pflege.

 

Ob der Vorwurf der Wucherei zu Recht bestand, nun ja, jedenfalls wusste Ferdinand Wambacher zu wirtschaften: Im Jahr 1917 betrug der Gewinn der Wasenmeisterei bei einer Jahrespacht von 18.600 Kronen nicht weniger als 432.074 Kronen. Der Stadt Wien konnte das aber durchaus recht sein, denn seit dem Neuabschluss des Vertrages mit Wambacher Ende des Jahres 1916 war sie mit 20 Prozent am Gewinn beteiligt. Wambacher erhielt für das Abtreten eines Fünftel des Gewinns das Recht, mit einer von ihm beherrschten Kapitalgesellschaft in den neuen Vertrag mit der Gemeinde Wien einzusteigen. Und setzte es gleich in die Tat um: Das Stammkapital der im Dezember 1916 gegründeten „Gesellschaft zum Betriebe der städtischen Wasenmeisterei und thermochemischen Fabrik in Wien, Gesellschaft m.b.H.“ betrug 200.000 Kronen, Wambacher zahlte es in bar ein.

 

Magistrat: „Trostlose Zustände“

So lukrativ das Unternehmen lief, seine Aufgaben konnte es mit Fortdauer des Krieges immer weniger erfüllen. Trotz zahlreicher Versuche, das Personal der Wasenmeisterei vom Militärdienst zu befreien, gelang dies zumeist nicht. „Trostlose Zustände“ und „unhaltbare Verhältnisse“ konstatierte der Wiener Magistrat in der Wasenmeisterei, wo nur noch drei Gehilfen zur Verfügung standen. Schlicht und einfach zu wenige Leute, um zur Sicherung der städtischen Hygiene Tierkadaver abzuholen oder die zur Tollwut-Eindämmung unbedingt notwendigen Hundestreifungen vorzunehmen. Ultimativ forderte die Veterinäramtsdirektion im Juli 1917 daher die Enthebung vom Militärdienst für zumindest neun ehemalige Mitarbeiter. Ansonsten müssten die Verhältnisse „in absehbarer Zeit zu einer Sperre des ganzen Betriebs führen.“ 

 

Eine Drohung, die gewirkt hat: Im April 1918 wird der Wasenmeister beauftragt, aufgrund des „ergänzten Personalstandes“ sofortige „Hundestreifungen in möglichst großem Umfang“ vorzunehmen. Der Kampf gegen die Tollwut sollte weiterhin eine seiner wichtigsten Aufgaben bleiben – auch nach Ende des Ersten Weltkriegs in der jungen Republik.         

Thermo-chemische Fabrik in Kaiserebersdorf. © Wien Museum

Die thermo-chemische Fabrik in Kaiserebersdorf, in Betrieb seit 1882, blieb im Eigentum der Stadt Wien und wurde an den Wasenmeister verpachtet.